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Alexia Kulterer

Ich ging 2007 auf eine Wel­treise und plante etwa drei Monate für meinen let­zten Aufen­thalt ein – für Indi­en. Dort half ich in einem Slum-Kinder­garten in Goa aus und meldete mich bei einem Yogakurs an. Ich war sofort fasziniert von der verin­ner­licht­en Konzen­tra­tion, mit der die Prak­tizieren­den in sich und ihre Kör­p­er hinein­hörten. Für mich als damals noch sehr zap­peliger Men­sch stellte sich die drin­gende Frage „Wie funk­tion­iert so etwas“? Diese erste Yogas­tunde hat mir so gut gefall­en, dass ich eine sech­swöchige Aus­bil­dung in einem Ashram in Rishikesh machte. Ich tauchte kom­plett ein in die Yoga-Philoso­phie und kam immer wieder nach Indi­en zurück, was mich auf meinem Pfad weit­er­brachte. Zu Beginn war ich noch ein richtiges Energiebün­del mit ein­er aus­ge­sprochen dynamis­chen, kraftvollen Prax­is und mit sehr impul­siv­en, oft auch unre­flek­tierten Entschei­dung­sprozessen. Mit der Zeit wurde ich durch Yoga ruhiger und fein­füh­liger und es hat mir bes­timmt geholfen mein inneres Feuer ein wenig bess­er im Zaum zu hal­ten.

In welchem Yoga-Stil bist Du zu Hause oder bist Du da eher eklek­tisch?

Ich habe mit sehr tra­di­tionellen Stilen begonnen, Hatha Yoga und Ash­tan­ga. Daraus habe ich über die Jahre eine gute Mis­chung unter­richtet und bin immer wieder aus­ge­brochen aus diesen Schulen und habe mich von neuen Lehrern inspiri­eren lassen. Daher sind meine Stun­den sehr viel kreativ­er gewor­den als in mein­er Anfangszeit. Ich passe mich lieber an die anwe­senden Schüler an als an eine fix­ierte Rei­hen­folge von Übun­gen. Das macht für mich Sinn. Meis­tens unter­richte ich Flow-Stun­den auf Open Lev­el, in denen ich alle möglichen Rich­tun­gen ein­brin­gen kann – ein mod­ern­er Ablauf wie Vinyasa Flow erlaubt das. Yin Yoga, bei dem man mehrere Minuten in ein­er Posi­tion bleibt, unter­richte ich auch sehr gern, um das eher Yang-spez­i­fis­che, dynamis­che Yoga auszu­gle­ichen. Yin Yoga wirkt eher im Faszien-Gewebe als auf die Muskeln und beruhigt das Ner­ven­sys­tem. Ich denke, man braucht als Prak­tizieren­der nicht jeden Tag die sel­ben Posi­tio­nen und finde es wichtig, einen Aus­gle­ich zu schaf­fen zu unser­er ohnedies schnellen, hek­tis­chen Arbeitswelt.

Was möcht­est Du Deinen Schülern gern mit­geben?

Ich möchte sie spüren lassen, dass der Atem unser ele­men­tarster Treib­stoff ist. Nicht nur im Yoga, son­dern auch im täglichen Leben. Wenn wir den Atem zurück­hal­ten, geht uns wortwörtlich die Luft aus und dann kommt Stress im Kör­p­er auf. Durch eine fließende, bewusste Atmung kön­nen wir sehr vie­len Krankheit­en vor­beu­gen. Dazu muss man den Atem eher weniger kon­trol­lieren als ihn freiset­zen. Dann stellt sich auch dieses Gefühl der Vital­ität ein. Über die Qual­ität der Atmung läßt sich sehr viel erspüren, was in bes­timmten Sit­u­a­tio­nen im Kör­p­er und im Geist vor sich geht. Mir ist es auch wichtig, meinen Schülern ein Gefühl von Leichtigkeit zu ver­mit­teln, und eine Selek­tion an Werkzeu­gen, die einem helfen, mit den rigi­den Anforderun­gen unser­er Leis­tungs­ge­sellschaft fer­tig zu wer­den und einen aus­geglich­eneren Lebensstil zu find­en: zurück­zuschal­ten, wenn ich krank werde; meinen Atem zu spüren und ihn deuten zu kön­nen; das Gefühl des Miteinan­ders wahrzunehmen und den­noch mein Ziel im Auge zu behal­ten. Was mir noch sehr wichtig ist, ist Spaß zu haben.

Wie baust Du Deine Open-Lev­el-Stun­den auf?

Ich beginne zunächst sehr kraftvoll und dynamisch und arbeite mich dann langsam aber dynamisch zu ein­er peak pose (anspruchvoll­ste Übung in einem Yogasys­tem; Anm.) hin, die den Mit­telpunkt der Stunde darstellt und manch­mal mit einem philosophis­chen The­ma ver­bun­den ist. Ich liebe auch Inver­sions (Umkehrhal­tun­gen; Anm.): Arm- und Hand­stände, weil ich den Leuten sehr gern zeige, dass sie das schaf­fen und sich diesen Her­aus­forderun­gen spielerisch näh­ern kön­nen. Mit Leichtigkeit. Gegen Ende der Stunde baue ich dann san­ftere Yin-Ele­mente und einen Regen­er­a­tions­modus ein, um die Atmung wieder zu ver­langsamen und das Ner­ven­sys­tem zu besän­fti­gen.

Was bedeutet Dir Yoga?

Yoga befre­it mich. Von all den Din­gen, die sich in meinem Kopf abspie­len. Es lässt mich meine eigene Wahrheit find­en, meinen Sinn im Leben. Yoga kon­fron­tiert mich mit dem, was mir in mein­er Prax­is wichtig ist und das muss nicht unbe­d­ingt eine schöne Vor­wärts­beuge sein. Wichtiger ist, wie ich den Fokus mein­er Aufmerk­samkeit bei mir halte und nach innen schaue. Den Punkt zu find­en, an dem ich all meine Entschei­dungsmöglichkeit­en im Leben offen ste­hen sehe, das erlaubt mir Yoga. Je mehr Zeit ich auf der Mat­te ver­bringe, um so näher komme ich mir und lerne, wie ich mit mir sel­ber umge­he und wie sich meine innere Stimme anhört. Oft sind wir sehr hart zu uns selb­st und wir neigen dazu, nicht mit der Stimme der Intu­ition im Ohr Entschei­dun­gen zu tre­f­fen, son­dern mit dem Intellekt. Das mag ein Symp­tom unser­er west­lichen Lebenswirk­lichkeit sein, die sehr leis­tungs­be­zo­gen und ver­gle­ichend ist. Ger­ade deshalb ist es wichtig, uns aus diesem Käfig zu befreien, oder zumin­d­est zu ver­ste­hen, dass die Türe dieses Käfigs offen ste­ht und wir jed­er Zeit aus­treten kön­nen, um unsere eige­nen Bedürfnisse zu erken­nen, unser Leben sel­ber zu lenken und zur Ruhe zu kom­men.

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